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Soziale Arbeit mit gehörlosen Menschen

  • Insgesamt beherrschen ungefähr 200.000 Menschen in Deutschland die Deutsche Gebärdensprache (DGS), hörende sowie hörgeschädigte Menschen (vgl. Brammertz 2008). Davon sind 80.000 Menschen gehörlos (vgl. Clarke 2010, S. 9). In Anbetracht der deutschen Gesamtbevölkerung wirkt diese Statistik ernüchternd. Nur wenige lernen die Gebärdensprache. Das liegt daran, dass gehörlose Menschen eine Minderheit darstellen und deshalb die Gehörlosigkeit sowie die Gebärdensprache wenig Präsenz besitzen. Überwiegend wird die Gebärdensprache nur dann erlernt, wenn ein persönlicher Bezug z. B. zu gehörlosen Bekannten besteht. Gemäß der Erfahrung von Simon Kollien, entwickelt sich meist eine Begeisterung bei der Erlernung der Gebärdensprache , nach anfänglichem „Kulturschock“ (vgl. Kollien 2006, S. 422). Auch bei mir hat sich diese Begeisterung eingestellt, als ich meinen ersten Gebärdensprachkurs besuchte. Diese Leidenschaft führte mich in das Berufskolleg für Gebärdensprache in Winnenden. Es ist das einzige Berufskolleg in Deutschland, das den Schwerpunkt der Gebärdensprache beinhaltet, was wieder die niedrige Präsenz der Thematik aufzeigt. Diese Schulform ist in den Räumlichkeiten des Berufsbildungswerks der Paulinenpflege Winnenden für hör-, sprach- und kommunikationsbehinderte Jugendliche angesiedelt. Dort erlernte ich nicht nur die Gebärdensprache, sondern auch allgemein Wissenswertes über das Thema der gehörlosen Menschen und ihren Problemen. Durch den persönlichen Kontakt mit den gehörlosen Jugendlichen des Berufsbildungswerkes lernte ich ihre „Welt“ kennen und lieben. Der Wunsch, auch beruflich mit gehörlosen Menschen zu arbeiten, entwickelte sich in mir schon sehr früh. Durch das Studium der Sozialen Arbeit kam ich diesem Wunsch näher und mit dem Praxissemester konnte ich weitere Erfahrungen in diesem Feld sammeln. Mein Praxissemester absolvierte ich in einem Sozialdienst für hörgeschädigte Jugendliche in dem schon bekannten Berufsbildungswerk in Winnenden. Dort wurde mir erneut die Bedeutung von Gebärdensprache in der Sozialen Arbeit mit gehörlosen Menschen be-wusst. Dennoch begegnete ich allgemein der Meinung, die Gebärdensprache nur als eine Art Zeichensprache sieht oder als eine Form der Pantomime abtut. Dies zeigt sich an der häufigen Reaktion auf das Thema Gebärdensprache von Menschen, die keinerlei Kenntnisse darüber besitzen. Dabei wird während dem Fragen, was Gebärdensprache ist, oft wild mit den Händen gestikuliert. Dass es sich bei der DGS um eine anerkannte eigenständige Sprache handelt, ist vielen nicht bewusst. Die Notwendigkeit der Gebärdensprache wird häufig angezweifelt, vor allem durch neue technologische Entwicklungen, wie z. B. die des Cochlea Implantates (CI). Dadurch gäbe es auch immer weniger Menschen, die gehörlos sind und somit die Gebärdensprache überflüssig macht. Zudem bemerkte ich, dass viele, die mit gehörlosen Menschen arbeiten, häufig wenig Gebärdensprachkompetenz besitzen. Da stellt sich die Frage, ob Gebärdensprache in Zukunft überhaupt notwendig ist, vor allem im Hinblick auf die Soziale Arbeit. Gesellschaftlich betrachtet, bilden die gehörlosen Menschen wohl eine Minderheit im Ver-gleich zum Rest der Gesellschaft. Doch für die Soziale Arbeit schwächt dies nicht die Relevanz, sich auch für diese Menschen einzusetzen. Denn die Ethik der Sozialen Arbeit stützt sich auf die Menschenrechte. „Soziale Arbeit basiert auf der Achtung vor dem besonderen Wert und der Würde aller Menschen und aus den Rechten, die sich daraus er-geben. Sozialarbeiter/innen sollen die körperliche, psychische, emotionale und spirituelle Integrität und das Wohlergehen einer jeden Person wahren und verteidigen.“ (vgl. Deut-scher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. – DBSH 2015). Somit zählen die gehörlosen Menschen ebenfalls dazu. Wird die wissenschaftliche Seite des Themas betrachtet, zeigt sich wieder die geringe gesellschaftliche Präsenz. Es gibt viel wissenschaftliche Literatur zum Thema Behinderung, aber auf das spezielle Thema Gehörlosigkeit wird selten eingegangen. Als ich an der Hochschule Esslingen nach dem Schlagwort „Gehörlosigkeit“ oder „Gebärdensprache“ recherchiert habe, bekam ich nur wenige Treffer. Von diesen waren die meisten nicht mehr aktuell. Zudem ist die meiste Fachliteratur dieser Thematik nicht auf die Soziale Arbeit, sondern auf die Sonder- und Heilpädagogik gerichtet. Dazu existieren wissenschaftliche Ausarbeitungen wie die Bildungswege, das Studium und die Eingliederung in Arbeit gehörloser Menschen. Die Themen Inklusion und Identität treten in der Fachliteratur häufig im Bezug zu gehörlosen Menschen auf. Die Identität besitzt eine entscheidende Rolle im Handeln und Umgang mit gehörlosen Menschen und die Inklusion ist immer ein aktuelles Thema bezüglich behinderter bzw. gehörloser Menschen. Aufgrund des be-grenzten Rahmens dieser Arbeit, werde ich auf diese beiden Themen nicht im Speziellen eingehen. Des Weiteren finden sich speziellere wissenschaftliche Arbeiten, die beispiels-weise die Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kinder und Jugendlichen analysieren, hörende Kinder gehörloser Eltern (CODA) im Rahmen der Familienhilfe betrachten, Gehörlosenkultur- und Theater oder gehörlose Kinder mit Migrationsgeschichte in den Fokus stellen. Darüber hinaus gibt es etliche linguistische wissenschaftliche Arbeiten, die sich um Kommunikation, Spracherwerb und bilinguale Erziehung gehörloser Menschen sowie um die Gebärdensprache handeln. Die Soziale Arbeit dagegen beschäftigt sich weniger mit dem Thema Gehörlosigkeit und mehr mit der Behinderungsthematik allgemein. In meiner wissenschaftlichen Ausarbeitung möchte ich nicht nur das Thema Gehörlosigkeit aus der Perspektive der Sozialen Arbeit betrachten, sondern auf den zentralen Aspekt der Gebärdensprache tiefer eingehen. Damit verbinde ich die Soziale Arbeit mit einem linguistischen, für das Thema relevanten Teil. Aufgrund dessen stütze ich meine Ausarbeitung häufig auf das Werk von Penny Boyes Braem. Sie ist eine sehr bekannte Linguistin, die im deutschsprachigen Raum in den 1970er Jahren während der Gebärdensprachbewegung wichtige Forschungen tätigte (siehe Kapitel 5.4). Das zeigt sich darin, dass ich oftmals in anderen Büchern den Verweis auf ihr Werk gefunden habe. Von der pädagogischen Seite her, hat mir das Buch von Annette Leonhardt sehr weitergeholfen. Im Bereich der Sozialen Arbeit dauerte meine Suche länger und ich musste Allgemeines auf Spezielles anwenden bzw. ableiten. Zu Beginn meiner Arbeit stelle ich den Bezug von Gehörlosigkeit und Behinderung dar, da die Gehörlosigkeit eine Art der Behinderung ist. Danach wird der Begriff „Gehörlosigkeit“ eingebettet, was in den verschiedenen Begriffsbestimmungen deutlich wird. Die ausführli-che Erklärung der Begrifflichkeiten ist unabdingbar, da sie die Voraussetzung ist für das weitere Verständnis der Arbeit. Die AdressatInnen, auf die ich mich in meiner Arbeit be-ziehe, sind die gehörlosen Menschen. Dies wird schon durch den Titel meiner Arbeit verständlich. Da es in der Ausarbeitung aber auch um die Bedeutung der Gebärdensprache geht und diese nicht nur gehörlose Menschen nutzen können, werde ich an einigen Stellen von hörgeschädigten Menschen sprechen. Der Begriff „Hörschädigung“ ist der Oberbegriff für alle Arten von Hörbeeinträchtigungen und beinhaltet damit die „Gehörlosigkeit“. Im dritten Kapitel erläutere ich die verschiedenen Formen der Kommunikation für gehörlose Menschen. Lautsprache und Gebärdensprache, die zwei unterschiedlichen Verständigungsmöglichkeiten, werden eingehend veranschaulicht, da sie im später beschriebenen Diskurs eine zentrale Rolle spielen. Viele gehörlose Menschen fühlen sich einer Gehörlosengemeinschaft/Kultur zugehörig, weshalb diese in der Sozialen Arbeit und im Umgang mit gehörlosen Menschen gekannt werden muss. Sie kann hilfreich sein im besseren Verstehen der gehörlosen Menschen und deren Denken. Dazu zählt auch die ganz eigene Sicht der MitgliederInnen über die Gehörlosigkeit. Diese kann das Handeln in der Sozialen Arbeit beeinflussen, denn je nachdem wie Gehörlosigkeit bzw. Behinderung allgemein gesehen wird, kann die Herangehensweise beispielsweise defizit- oder ressourcenorientiert sein. Durch die Geschichte der gehörlosen Menschen zeige ich das Spannungsverhältnis zwischen Laut- und Gebärdensprache auf. Die damalige Frage, wie mit gehörlosen Menschen umgegangen und vor allem kommuniziert werden sollte, ist auch heute noch eine aktuelle Frage und wird im letzten Kapitel im Rahmen der Interventionsmöglichkeiten näher beleuchtet. Zuvor wird die Soziale Arbeit gegenüber verschiedener Begrifflichkeiten abgegrenzt und dann ihr Selbstverständnis dargestellt. Da es in dieser Arbeit um die So-ziale Arbeit mit gehörlosen Menschen geht, ist die Darstellung der Sozialen Arbeit an sich, unverzichtbar. Anschließend wird das Feld, in dem die Soziale Arbeit tätig wird aufgezeigt. Zum Schluss möchte ich die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen. Außerdem werde ich die Forschungsfrage beantworten, ob die Gebärdensprache in der Sozialen Arbeit notwendig ist und einen Ausblick für die Zukunft geben. Aufgrund des begrenzten Umfanges dieser Ausarbeitung konnte ich nicht auf die Ursachen von Gehörlosigkeit eingehen, was jedoch für die Beantwortung der Forschungsfrage nicht notwendig ist. Ebenfalls konnte ich nicht näher auf das Thema Cochlea-Implantat (CI) eingehen, obwohl dieses Thema Auswirkungen auf die Gehörlosenkultur und die gehörlosen Menschen hat. Im Fazit werde ich jedoch bezüglich der Forschungsfrage das Thema CI anschneiden. In meiner Ausarbeitung gebrauche ich bewusst die Bezeichnung „behinderte bzw. gehörlose Menschen“. Der Begriff „Behinderung“ hat im Laufe der Zeit die Bezeichnungen „Verkrüppelung“ und „Beschädigung“ abgelöst (vgl. Welti 2011, S. 88). Heute findet sich der medizinisch-sozialrechtliche Begriff „Behinderung“ in den Gesetzen wieder. Doch die Substantivierung zu der Bezeichnung „Behinderte/r“ weist auf ein defizitäres Persönlichkeitsmerkmal hin. Aufgrund dessen wurde von Behindertenverbänden eine sprachliche Korrektur zu „Menschen mit Behinderung“ gefordert (vgl. Antor; Bleidick 2001, S.80-81). Mit dieser Bezeichnung soll der Mensch im Mittelpunkt stehen und die Behinderung durch das „mit“ nur als ein Anhängsel gesehen werden. Ich persönlich vertrete jedoch die Meinung, dass durch diese Bezeichnung der Fokus erst recht auf die Behinderung gelenkt wird. Die Bezeichnung „behindert“ ist meines Erachtens am treffendsten, weil dadurch deutlich wird, dass Menschen vielmehr behindert werden, z. B. durch die Gesellschaft, als dass sie behindert sind (siehe Kapitel 2 und 4.4). Die Ambivalenz des Begriffes steht außer Frage und solange sich die hinter der sprachlichen Entmündigung behinderter Menschen stehende Einstellung nicht ändert, hilft ein Austausch der Bezeichnungen auf Dauer nichts. Auch wenn manche Pädagogen sogar einen völligen Verzicht der Behindertenkategorien verlangen (vgl. Cloerkes 2007, S. 8-9) ist nicht zu vergessen, dass der Status „Behinderung“ ebenfalls Schutz und Hilfe verleiht (vgl. Antor; Bleidick 2001, S. 81). Um Diskriminierung auszuschließen habe ich in meiner Ausarbeitung die Schreibweise des „I“s verwendet, um beide Geschlechter anzusprechen und dennoch eine gute Lesbarkeit zu ermöglichen.

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Metadaten
Author:Carolin Auch
URN:urn:nbn:de:bsz:753-opus4-4009
Advisor:Katja Maar
Document Type:Bachelor Thesis
Language:German
Year of Completion:2015
Date of final exam:2015/11/23
Release Date:2016/06/02
Institutes:Fakultäten / Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Open Access:nur im Hochschulnetz
Licence (German):License LogoVeröffentlichungsvertrag ohne Print-on-Demand